Lesendes Mädchen.
Bleistift und Kohle auf Papier,
sig. u.r.,
37,5x43 cm (LM)
Schon während seiner Schulzeit nahm Albert Anker privaten Zeichenunterricht und absolvierte auf Drängen des Vaters hin ab 1851 ein Theologiestudium in Bern und Halle. 1854 zog er nach Paris, um sich zum Maler ausbilden zu lassen. Hier erhielt er Unterricht vom Schweizer Klassizisten Charles Gleyre, und 1855-1860 besuchte er Kurse an der École Impériale et Spéciale des Beaux-Arts. Ab 1856 war er regelmässig in den Turnus-Ausstellungen des Schweizerischen Kunstvereins vertreten, seit 1859 auch im Pariser Salon, wo er 1866 eine Goldmedaille gewann. Im gleichen Jahr nahm er seine Tätigkeit für die Fayencefabrik der Gebrüder Deck auf. Die Sommermonate verbrachte er in Ins, die Wintermonate in Paris. In den 1880er Jahren unternahm er mehrere Italienreisen. Im Mai 1890 gab er seinen Pariser Wohnsitz auf und begann kurz darauf, im Auftrag des Neuenburger Verlegers Frédéric Zahn Illustrationen zu dessen Gotthelf-Ausgabe zu schaffen, eine Arbeit, die ihn jahrelang in Anspruch nehmen sollte.
Lesende Mädchen zählen zu den klassischen Sujets in Albert Ankers Werk. Die Darstellungen sind vornehmlich vom humanistischen Geist und der pädagogischen Ethik Jean-Jacques Rousseaus und Johann Heinrich Pestalozzis geprägt. Meist hält Anker seine Modelle auf einem Stuhl oder am Tisch sitzend fest, den Blick konzentriert auf die Lektüre gerichtet. Das Lesen sollte zur Gemütsbildung junger Mädchen beitragen und war zunächst in der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht verbreitet und erst nach 1850 auch zunehmend in der ländlichen Bevölkerung. In Ankers Werken ist in der Regel nicht zu erkennen, welche Buchtitel die Modelle vor sich hatten, so auch in der angebotenen Zeichnung. Die Beschäftigung mit der Bibel sowie mit Gotthelf-Romanen, Gedichten, Novellen und Werken zur Schweizer Geschichte war jedoch durchaus verbreitet. Die politische Bildung mittels Zeitungslektüre blieb allerdings den Männern vorbehalten.
| Estimation | CHF | 18'000 |
| EUR | 19'780 | |
| USD | 22'500 | |
| Adjugé | CHF | 76'000 |
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